EGGE-WESER

Band 12

Seiten 91-96

Höxter 1999


Schmetterlinge im Pölinxer Grund bei Scherfede (Kreis Höxter)

Badtke, G. & H. Biermann

 

Auswertung des Artenbestands

Futterpflanzen

(Mehrfachnennungen sind möglich)

Gräser in feuchten und trockenen Bereichen sind die Nahrungspflanzen für 32 Schmetterlingsarten (rd.21%) der angetroffenen Arten. Krautige Pflanzen werden ebenfalls von vielen Arten genutzt, wobei besonders die Brennessel zu nennen ist, die den Raupen von 10 Arten Nahrung bietet. Laubgehölze als Raupennahrung sind besonders bei den Spinnern und Schwärmern sowie bei den Eulen geschätzt. Fichten und Kiefern sind die Nahrungsgrundlage für 7 Arten und gleichzeitig, zusammen mit Laubhölzern, die Träger von Flechten, an denen 8 Arten leben. Gerade der hohe Anteil an Flechtenarten deutet auf eine feuchtluftreiche und auch saubere Umwelt hin.

Gefährdungskategorien

Stufe 1 ist lediglich mit zwei Arten vertreten, wobei porcellus die Hauptverbreitung in trockeneren Bereichen hat und nicht ausschließlich in Lebensräumen wie im Pölinxen vorkommt. Für Stufe 2 gilt, daß galathea vermehrt trockene Bereiche und besonders Halbtrockenrasen besiedelt, weniger feuchte Wiesen. Stufe 3 enthält besonders viele Arten, deren Lebensschwerpunkt feuchte Täler beinhaltet. Die Areal-Erweiterer oder Arten mit veränderlichen Arealgrenzen der Gruppe 4 sind selten vertreten. In der Gruppe 5 sind Arten vorhanden, die allgemein etwas seltener geworden sind und zum Teil als ausgesprochene Feuchtwiesenarten bzw. Feuchtwaldrandarten zu sehen sind. Ganz deutlich zeigt sich in allen Gruppen, daß ihre Vertreter überwiegend Lebensräume wie im Pölinxer Grund bevorzugen und Raupenfutterpflanzen besuchen, die im Untersuchungsgebiet reichlich vorkommen. Somit bietet der Bereich Pölinxer Grund – als einziger großer Lebensraum dieses Typs im Gebiet – für diese mehr oder weniger stark bedrohten Arten ein sicheres Refugium. Durch die Anlage der Teiche, die Pflege der Hochstaudenfluren und andere Maßnahmen, vor allem auch die Offenhaltung der Fläche, hat dieses Gebiet sicherlich eine Aufwertung erfahren.
Tabelle 1: Gefährdungskategorien der "Roten Liste OWL"

Kategorie

Definition

0

Verschollene bzw. ausgestorbene Arten, die mindestens seit 1970 nicht mehr gefunden wurden. Als Ergänzung wurde das letzte Fundjahr angegeben, wodurch deutlich wird, daß viele Arten seit über 100 Jahren nicht mehr gefunden wurden und somit sicherlich nicht mehr Bestandteil der Gebietsfauna sind, andere aber noch vor wenigen Jahrzehnten gemeldet wurden und mit einem Wiederfund im Gebiet durchaus zu rechnen ist.

1

Arten, deren Vorkommen nur noch auf wenige Restbestände zusammengeschrumpft sind und einen anhaltenden Rückgang aufweisen oder von denen nur noch wenige Einzelfunde in den letzten Jahren vorliegen. Bei vielen Arten wurde das letzte Fundjahr angegeben, und einige dieser Arten wurden schon seit mehreren Jahren nicht mehr gefunden, so daß eine Aufnahme in Kategorie 0 zukünftig zu erwarten ist.

2

Arten, die deutlich im Bestand zurückgegangen sind bzw. zurückgehen und in vielen Teilen des Gebiets bereits weitgehend verschwunden sind. Vielfach besiedeln diese Arten selten gewordene Lebensräume oder Sonderstandorte und bleiben dann mit diesen auf wenige Orte beschränkt. In diese Kategorie fallen auch vielfach Arten, die im Gebiet ihre Verbreitungsgrenze erreichen.

3

Arten, die seit längerer Zeit im Bestand zurückgehen und in manchen Gebieten nahezu verschwunden sind, andernorts aber durchaus nach gute und stabile Bestände haben. Viele dieser Arten gehen im Bestand zurück, obwohl ihre Lebensräume vielfach noch zu finden sind (z.B. viele Waldarten). Oft kommen diese Arten auch nur in bestimmten Landschaftstypen vor.

4

Arealerweiterer, die derzeit im Gebiet mehr oder weniger bodenständig sind oder im Bestand stark fluktuieren und nur in manchen Jahren im Gebiet vorkommen. Außerdem umfaßt diese Kategorie Binnenwanderer, die sich in günstigen Jahren fest ansiedeln können, dann jedoch auf Mangelbiotope angewiesen sind und deshalb in einen gewissen Gefährdungsgrad aufweisen.

5

Arten, die zwar noch in weiten Bereichen des Gebietes verbreitet und lokal auch noch häufig sind, bei denen jedoch verglichen mit früheren Jahrzehnten die Bestände deutlich geringer geworden sind. In stark überformten Landschaften besitzen diese Arten bereits wichtige Indikatorfunktionen. Bei weiterem Biotopverlust ist davon auszugehen, daß ein beträchtlicher Teil dieser Arten zukünftig in eine höhere Gefährdungsstufe aufzunehmen ist (Vorwarnliste).

*

Arten, die zur Zeit keinen auffälligen Bestandsrückgang aufweisen und im allgemeinen weit verbreitet sind. Ebenfalls wurden hier Wanderfalter aufgenommen, die mehr oder weniger häufig ins Gebiet einfliegen, bei denen es aber in keinem Fall zu einer Ansiedlung im Gebiet kommen kann und deshalb die Einstufung in einer Gefährdungskategorie sinnlos ist.

 

Für das Weserbergland gilt stets die nach dem Schrägstrich stehende Zahl.

Tabelle 2: Übersicht über die Gefährdungsstufen / Gefährdungskategorien

(Vor den Artnamen steht die Forster-Wohlfahrt-Nummer, der Anteil der Arten pro Stufe ist in Prozent angegeben.)

Stufe

Faltergruppen

 

Tagfalter

Spinner und Schwärmer

Eulen

Spanner

1

 

275 griseola

 

 

 

421 porcellus

 

 

 

 

 

 

— von 24 Arten

4% von 46 Arten

— von 67 Arten

— von 16 Arten

2

058 galathea

 

921 pygmina

1514 berberata

133 ino

 

 

 

 

 

 

 

6% von 24 Arten

— von 46 Arten

1,5% von 67 Arten

8% von 16 Arten

3

130 paphia

278 sororcula

762 sagittigera

 

 

309 dominula

803 nana

 

 

317 senex

817 gracilis

 

 

337 fagi

859 scabriuscula

 

 

 

1159 auricoma

 

 

 

1202 putnami

 

 

 

 

 

4% von 24 Arten

8% von 46 Arten

9% von 67 Arten

— von 16 Arten

4

105 c-album

470 lunigera

828 albipuncta

 

 

 

 

 

4% von 24 Arten

2% von 46 Arten

1,5% von 67 Arten

— von 16 Arten

5

73 aegeria

279 rubricollis

840 scirpi

 

90 iris

297 mendica

940 flavago

 

227 palaemon

355 bicoloria

947 typhae

 

 

539 curvatula

1211 chrysitis

 

 

 

 

 

12% von 24 Arten

8% von 46 Arten

6% von 16 Arten

— von 16 Arten

Tabelle 3: Verteilung der Arten in Gefährdungsstufen

Artname

Artenanzahl

Gefährdungsstufen

1

2

3

4

5

*

Tagfalter

24

 

1

1

1

3

18

Spinner/ Schwärmer

46

2

 

4

1

4

35

Eulen

67

 

1

6

1

4

55

Spanner

16

 

1

 

 

 

15

Tabelle 4: Verteilung der Arten auf ihre bevorzugten Futterpflanzen

 

Tagfalter

Spinner/Schwärmer

Eulen

Spanner

Fichte/Kiefer

 

3

1

3

Buche

 

7

7

2

Birke

 

8

8

3

Pappel

 

8

6

2

Espe

 

7

6

2

Eiche

 

8

2

4

Weide

2

8

11

3

Linde

 

4

1

2

Erle

 

7

2

1

Hasel

1

1

5

3

Schlehe

 

1

1

2

Brom-/Him- /Stachelbeere

 

2

2

 

Flechten u. Moose

 

7

1

 

Brennessel

7

2

1

 

Gräser

8

1

23

 

Veilchen

1

 

 

 

Krautige Pflanzen :
Löwenzahn, Taubnessel u.a.

7

8

29

3

Andere

5

2

8

 

Tabelle 5: Futterpflanzen und bevorzugte Lebensräume gefährdeter Arten

Nr.

Art

Stufe

Futterpflanzen

Lebensraum

275

griseola

1

Flechten

Erlenauen, Waldr.

421

porcellus

1

Labkraut

Heidewiesen, Halbtrockenrasen

58

galathea

2

Gräser

trockenere Wiesen, Halbtrockenrasen

133

ino

2

Mädesüß

feuchte Täler

921

pygmina

2

Seggen, Juncus

Ufer, Auen, Täler

1514

berberata

2

Berberitze

Waldränder

130

paphia

3

Veilchen

sonnige Waldränder

278

sororcula

3

Flechten

kühlfeuchte Waldränder

309

dominula

3

Brennessel

kühlfeuchte Waldränder

317

senex

3

Flechten an Erlen, Lebermoose

Auen, Ufer, Torfwiesen

337

fagi

3

Rotbuche

Buchenwälder

762

sagittigera

3

krautige Pflanzen

lichte Wälder

803

nana

3

Wurzeln

Waldränder, Lichtungen, feucht bis trocken

817

gracilis

3

krautige Pflanzen

Auen, feuchte Wiesentäler

859

scabriuscula

3

krautige Pflanzen

Auen, feuchte Wiesentäler

1159

auricoma

3

Weide, Birke, Espe, Hasel

Moore, Heiden, Auen

1202

putnami

3

Gräser, Rohrkolben, Schwertlilie, Froschlöffel

Auen, Niederungen

105

c—album

4

Brennnessel, Stachelbeere

Waldränder, Auenbereiche

470

lunigera

4

Fichte

Fichtenforste

828

albipuncta

4

Gräser

Auen, Talbereiche

73

aegeria

5

Gräser

lichte Wälder

90

iris

5

Salweide

feuchte und kühle Waldränder

227

palaemon

5

Gräser

vergraste Waldränder, Gebüschfluren

279

rubricollis

5

Flechten

Waldränder

297

mendica

5

Ampfer, Löwenzahn, Brennessel

sonnige und feuchte Täler, Waldränder

355

bicoloria

5

Birke

Schneisen, Auen

439

curvatula

5

Erle

Erlenauen, Bruchwälder

840

scirpi

5

Scirpus, Juncus

Auen, Täler, Torfwiesen

940

flavago

5

in Stengeln krautig Pflanzen

Flußniederungen, Auen, Uferbereiche

947

typhae

5

Teichsimse, Rohrkolben

Auen, Sümpfe, Ufer

1211

chrysitis

5

krautige Pflanzen

Waldränder, Auen

Verbesserungs- und Pflegevorschläge

Nahrungspflanzen der Falter

Bei allen Maßnahmen muß unbedingt darauf geachtet werden, daß ein Nektarpflanzenangebot von März bis Oktober erhalten bleibt.
Zur Zeit sind von den besonders geschätzten Nektarpflanzen Wasserdost, Disteln, Blutweiderich, Weiden(kätzchen), Kuckuckslichtnelke, Dost und Brombeeren vorhanden. Ihr Bestand könnte, wenn andere Interessen nicht zwingend im Wege stehen, noch vergrößert werden.
Es zeigte sich, daß gerade in allgemein trockenen Jahren auch Falter aus der Nachbarschaft das Blütenangebot der Feuchtwiesen nutzen können.

Pflegemaßnahmen

Grundsätzlich gilt, daß nie alle gleichen Teilstrukturen im Gebiet zur gleichen Zeit beeinflußt werden dürfen.
Das gilt sowohl aus der Sicht des Angebots an Raupenfutterpflanzen und Nektarpflanzen als auch aus der Sicht der Gestaltung des Kleinklimas und anderer Gegebenheiten. Empfehlenswert ist es, bei Pflegemaßnahmen und bei der Überhandnahme bestimmter Gehölze (etwa der Erlen) nicht etwa alle zur gleichen Zeit zu fällen, sondern so vorzugehen, daß in gleichmäßigen Zeitabständen unterschiedlich alte Sträucher und Bäume entfernt werden, die auch an verschieden Stellen im Gebiet wachsen.
Niemals sollten also alle Ufer zur gleichen Zeit und auf die gleiche Art und Weise gepflegt werden; das gilt natürlich auch für die Grasbestände und die Gehölze. Es ist auch darauf zu achten, nicht immer zur gleichen Jahreszeit im Gebiet etwas zu verändern.
In vielen anderen Gebieten hat es sich als günstig erwiesen, stets nur etwa 10% einer Fläche zu gestalten, so daß stets alle Teilstrukturen in genügend großem Anteil noch vorhanden sind.
Insgesamt kann man wohl sagen, daß die bisherige Art der Gestaltung und Pflege dieses Tals eine Bereicherung darstellt und vielen Arten einen Lebensraum sichert.
Daß die Artenzahl mit 153 Arten nicht so hoch liegt wie etwa in den Trockenrasenbereichen, wo auch 360 Arten gezählt werden können, ist normal. In vergleichbaren Lebensräumen im Eggebereich kommt man auch nach längerer Suche nur auf etwa 150-200 Arten. Die Gründe liegen im etwas eingeschränkten Pflanzenbestand und im Kleinklima.


Literatur

AUFFENBERG, Anton und BADTKE, Gerhard u. BIERMANN, Heinrich (1984): Die Großschmetterlinge des Bärenbruchs bei Sandebeck; EGGE-WESER, Band 2, Heft 3, Höxter 1984, S. 135-145

BADTKE, Gerhard UND BIERMANN, Heinrich (1986): Die Großschmetterlinge der Trockenrasen bei Willebadessen; EGGE-WESER, Band 3, Heft 3, Höxter 1986, S. 104-117

BIERMANN, Heinrich (1994): Die Eulenfalter des Kreises Höxter und angrenzender Gebiete; Mitt. ArbGem. ostwestf.-lipp. Entomologen, Band 10, Heft 3, Bielefeld 10.12.1994, S. 49-64

BIERMANN, Heinrich (1995): Kartierung der Tagfalter und Zygaenen des Kreises Höxter und des angrenzenden Diemeltals; EGGE-WESER, Band 7, S. 5-37, Höxter 1995

FORSTER, Walter und WOHLFAHRT, Theodor A. (1960 — 1981): Die Schmetterlinge Mitteleuropas, Bd. 2-5; Franckh, Stuttgart

KOCH, Manfred: Wir bestimmen Schmetterlinge
Band 1, Tagfalter, 1966
Band 2, Spinner und Schwärmer, 1964
Band 3, Eulen, 1972
Band 4, Spanner, 1976
Verlag J. Neumann - Neudamm, Melsungen

LAUDAGE, Franz-Josef (1994): Kleingewässeranlage Pölinxer Grund 1984-1994 – Eine Idee wird zehn Jahre alt; Jahrbuch 1994 des Kreises Höxter

LERAUT, P. (1980): Liste systematique et synonymique des Lepidopteres de France, Belgique et Gorse; Alexanor, Paris

Arbeitsgemeinschaft ostwestfälisch-lippischer Entomologen: Verzeichnis der Schmetterlinge Ostwestfalen-Lippes mit aktuellen Angaben zu ihrer Gefährdung (Rote Liste); Mitt. der ArbGem. ostwestf.-lipp. Entomologen, Band 10, Beiheft 1, Bielefeld 1994

LÖBF (1997): Praxishandbuch Schmetterlingsschutz Recklinghausen

Ministerium für Umwelt, Raumordnung und Landwirtschaft des Landes NRW (1989): Klima-Atlas von Nordrhein-Westfalen